Thursday, June 9, 2011

Wer ist die Ägyptische Demokratische Akademie?

Donnerstag, 9. Juni 2011

Wer ist die Ägyptische Demokratische Akademie?

Foto: Ahmed Badawy 
Bis zu meinem dreißigsten Geburtstag hatte ich mir eine Frist für mein Ziel gesetzt: Mubarak zu stürzen und zu verhindern, dass sein Amt an seinen Sohn vererbt wird. Das ist wahr geworden, obwohl ich noch keine siebenundzwanzig bin. Mein zweites Ziel bleibt der Aufbau eines demokratischen Regierungssystems in Ägypten – und daran arbeite ich jetzt.

Eine der wichtigsten Lektionen, die ich in Deutschland bei einem Seminar der Friedrich-Naumann-Stiftung zum „Aufbau politischer Allianzen“ gelernt habe, ist: Das Gefährlichste was einem Staat ohne demokratische Erfahrung passieren kann, wenn er den Übergang zur Demokratie wagt, ist, dass er zu einer „Demokratie ohne Demokraten“ wird. Seit 2009 tritt unser Institut daher dafür ein, dass aus Ägypten eine Demokratie wird, in der auch wirklich Demokraten jeglicher Herkunft das Sagen haben.

Von Anfang an konnten wir auf politisch engagierte junge Mitstreiter zurückgreifen, die über exzellentes Know-how in Sachen Neue Medien, wie Facebook und Twitter, verfügen. Unser Konzept: Die Menschen in demokratischen Prinzipien und Methoden zu schulen, gegenseitige Akzeptanz und friedliches Miteinander zu vermitteln. Unsere wichtigste Zielgruppe ist die Jugend.

Derzeit hat die Ägyptische Demokratische Akademie (Egyptian Democratic Academy) ungefähr zwanzig feste Mitarbeiter, die von über 60 Freiwilligen unterstützt werden. Seit der Revolution haben uns zahlreiche Diplomaten, Schriftsteller, Aktivisten und Journalisten aus verschiedenen Ländern der Welt einen Besuch abgestattet. Meine tägliche Arbeitszeit beträgt manchmal bis zu zwölf Stunden. Oft reichen auch diese nicht aus, um alle Aufgaben zu erledigen, dann sehe ich mich gezwungen, die Nacht im Hauptquartier des Instituts zu verbringen.

Einige unserer wichtigsten Aktivitäten will ich vorstellen:

Radio Al-Ma7rosa

Al-mahrusa, „die Beschützte“ ist eine Bezeichnung für Ägypten. Es ist ein liberales, jugendorientiertes Online-Radio, das vom eigenen Engagement lebt und sich von A bis Z aus ägyptischen Quellen finanziert. Vor und während der Revolution hat es viel dazu beigetragen, die Jugendlichen für Politik zu begeistern. Jetzt wollen wir Al-Ma7rosa in einen „offiziellen“ Radio-Sender verwandeln. Uns fehlt nur noch ein Gesetz, das das erlaubt.

YouShahed

(Arab. shahada, „Zeuge sein“) wurde letztes Jahr ins Leben gerufen, um die Parlamentswahlen zu beobachten. Zusammen mit der DISC-Stiftung (Doctors Involved in Social Contributions) haben wir jungen Menschen aus ganz Ägypten gezeigt, wie sie die Wahlen überwachen und ihre Beobachtungen aufzeichnen können – mithilfe einer interaktiven Karte, auf der alle Verstöße sofort zu sehen waren. YouShahed war im letzten Jahr Gesprächsthema der Medien weltweit, aufgrund seiner Unmittelbarkeit und Transparenz. Jetzt führen wir es weiter, um die öffentliche Meinung in Ägypten bis zu den anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen mitverfolgen zu können.

Demokratie-Training

Wir vermitteln politische Grundlagen (Systeme, Wahlrecht, parteipolitische Richtungen, Menschenrechte) an Laien, die sich nach der Revolution verpflichtet fühlen zu verstehen, welche Verantwortung die künftigen Wahl- und Partizipationsmöglichkeiten für sie mit sich bringen werden.

Foto: Ahmed Badawy

Ich erinnere mich noch gut daran, wie am ersten Tag nach der Revolution ein Religionsgelehrter salafitischer, also fundamentalistischer, Prägung unter den Teilnehmern eines Workshops war. Ich war schon auf eine Auseinandersetzung gefasst, zumal ich gerade über den zivilgesellschaftlichen Staat sprach und darüber, wie wichtig eine Trennung von Staat und Religion sei. Der Mann beteiligte sich jedoch mit großem Interesse und stellte immer wieder Fragen zum Thema Säkularismus und Zivilgesellschaft. Er wirkte gar nicht verärgert, stattdessen führte er mit einer christlichen Teilnehmerin einen ernsthaften Dialog.

Nachher habe ich ihn gefragt, warum er sich für politische Arbeit interessiert und wie er Ägypten nach der Revolution einschätzt. Er sagte, vor dem 28. Januar habe er nichts mit Politik am Hut gehabt. Sein Interesse habe allein dem öffentlichen Dienst und dem Religionsunterricht gegolten, den er in einer kleinen Moschee seiner Nachbarschaft gab.

Seit dem 28. Januar hatte er sich an der Revolution beteiligt und jeden Tag auf dem Tahrir-Platz ausgeharrt, bis Mubarak gestürzt wurde. Während dieser 18 Tage hat er Ägypter verschiedener Konfessionen kennengelernt – Muslime und Christen; Linke, Liberale und Nationalisten; Menschen aller Religionen, politischer Orientierungen und gesellschaftlicher Herkunft.

Er habe erkannt, dass die Ablehnung der Tyrannei und der Kampf für die Freiheit alle Menschen vereinen. Und auf dem Tahrir-Platz hat er real erlebt, wie notwendig es ist, dem Anderen zuzuhören. Daraufhin hat er beschlossen sein Wissen zu erweitern und es weiterzugeben, und sich selbst niemals den Vorurteilen auszuliefern.

Ahmed Badawi
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